Else Ury und der Band 4 ihrer Nesthäkchen-Reihe – ein Lehrstück für die Gegenwart

Vortrag von Reinhard Rakow

Die Berliner Fabrikantentochter Else Ury war in den Zwanzigern und Dreißigern des letzten Jahrhunderts mit ihren Kinderbüchern die meistgelesene deutsche Autorin. Allein ihre „Nesthäkchen“-Reihe fand schon damals ein Millionenpublikum im In- und Ausland. Ab 1945 erreichten die Nesthäkchen-Bände weltweit mittlerweile 6 Millionen Leser, nicht eingerechnet die Zuschauer von Fernseh-Verfilmungen, Videos und DVDs.
Was viele nicht wissen: Else Ury war Jüdin. Trotz ihres Ruhms wurde sie 1935 von den Nazis aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, mit einem Berufsverbot belegt und wie andere Juden in der Folgezeit fortlaufend enteignet und entrechtet. Obwohl ihr Verwandte wiederholt zu einer Flucht ins Ausland rieten, zog sie es vor, bei ihrer kranken Mutter in Berlin zu bleiben. Ihr Satz „Mir kann doch nichts geschehen“ sollte sich als Fehleinschätzung erweisen. 1943 wurde sie im Auschwitzer Gas ermordet.

Noch weniger bekannt ist die besondere Geschichte, die sich mit dem Band 4 ihrer insgesamt zehnteiligen Nesthäkchen-Reihe verbindet. Dieser Band mit dem Titel „Nesthäkchen und der Weltkrieg“, 1922 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erschienen, durfte nach 1945 nicht wieder aufgelegt werden, weil die Allierten Kontrollbehörden ihn als kriegsverherrlichend eingestuft hatten. Erst in diesem Jahr ist eine Neuauflage erschienen, ergänzt um ein kommentierendes Vorwort der Ury-Biografin Marianne Brentzel. Sie zeigt die Besonderheiten dieses Bandes auf: zum einen die lapidare Selbstverständlichkeit, mit der Krieg und Kriegsbegeisterung das tägliche Leben in Familie, Schule und Gesellschaft durchziehen, zum anderen eine in das Buch eingebettete Mobbing-Geschichte. Vera, „die Polnische“, kommt neu in die Klasse und wird von den Schülerinnen, angestiftet von Nesthäkchen, angefeindet und ausgegrenzt.

Bemerkenswert daran ist die schon Darstellung der Grausamkeit, zu der Kinder untereinander fähig sind, zumal für ein Kinderbuch. Bemerkenswert ist weiter die Intensität der Schilderung; es drängt sich die Vermutung auf, dass Else Ury hier selbst Erlebtes verarbeitet hat. Bemerkenswert ist schließlich die Zeitlosigkeit dieses Handlungsstrangs, der sich heute genau so zugetragen haben könnte.

Reinhard Rakow stellt Urys Lebenslauf vor und ordnet das Buch historisch ein. Im Mittelpunkt seines Vortrags stehen die Aktualität der Mobbing-Geschichte und des Buches überhaupt. Hundert Jahre nach Beginn des Ersten und 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges eignen sich „Nesthäkchens“ Band 4 und die Lebensgeschichte seiner Verfasserin in besonderer Weise, Lehren für aus der Vergangenheit zu ziehen.

Termin: Freitag, 5. September 2014 um 19.30 Uhr

Ort: Seefelder Mühle

Eintritt: 5 €

 

Mühlencafe Landfrauenmarkt Kulturprogramm Müllerhaus – Workshops, Kurse, Seminare Oldenburgische Landschaft