Vereinsgeschichte

Seefelder Mühle: Kulturzentrum-Denkmal-Café

 Renovierung der Mühle in den 1980er Jahren

Die Seefelder Mühle, 1875/1876 vom Oldenburger Stau nach Seefeld versetzt, war bis in die 60er Jahre als Getreidemühle in Betrieb. Danach war sie Wind und Wetter und dem Verfall preisgegeben bis zum Jahr 1976, als das Ehepaar Merker sämtliche Gebäude und das umliegende Land in einer Zwangsversteigerung erwarb. Es begann ein zehnjähriger, mühevoller Weg zur Restaurierung der Mühle, die 1986 vorläufig abgeschlossen werden konnte.

Vereinsgründung und erste Schritte zum Kulturprogramm

Durch die Initiative des Besitzers kam es 1987 zur Vereinsgründung „De Seefelder Möhl“ mit einem guten Dutzend Vereinsmitgliedern: Zunächst stand als Vereinszweck das Vorhaben im Vordergrund, Heimatpflege und Brauchtum, aber auch Kunst und Kultur zu pflegen und mit dieser Nutzung zum Erhalt des Mühlengebäudes beizutragen. Schnell zeigte sich, dass Kulturangebote wie Kunstausstellungen mit regionalen Künstlern, Konzerte  mit (plattdeutschen) Liedermachern und anderen Folkgruppen, Lesungen und Kunsthandwerkermärkte gut angenommen wurden von Gästen aus der näheren Umgebung. Die Rahmenbedingungen der Veranstaltungen waren extrem bescheiden: geliehene wackelige Stühle, unbeheizter Raum, keine Toiletten; Getränke gab es aus einer Kiste im 1. Stock der Mühle, wo auch die provisorische Künstlergarderobe ihren Platz fand. Verantwortlich für die Programmgestaltung ist auch heute noch der 1987 gewählte Programmleiter, der mit seinem Engagement, seinen Ideen, seiner Begeisterung für World Music und besten Kontakten in der internationalen Folkszene für so manches Highlight im Veranstaltungsreigen sorgte. Damit begründete er auch unseren exzellenten Ruf in der Musikszene. Manchem jungen Musiker gab er Auftrittschancen zu fairen Konditionen. Sein weiteres Anliegen, nämlich Kinder an Kunst und Kultur heranzuführen, veranlasste ihn, erfolgreich über Jahre hinweg eine Kindertheaterreihe für die gesamte Wesermarsch zu organisieren.
1988 entstand die erste Nutzergruppe, die auch heute noch aktiv ist: Die Spinnerinnen. Nach Einbau von Heizung und sanitären Einrichtungen 1989 konnte das Programm langsam erweitert werden, z. B. durch regelmäßige Kinovorführungen des Mobilen Kinos Niedersachsen für Kinder und Erwachsene seit 1992. Auch dieser Programmbereich wird von zwei Vereinsmitgliedern und ihren jungen Helfern sehr engagiert begleitet.

Die Gemeinde Stadland erwirbt die Mühle

1990 wanderte das Ehepaar Merker aus gesundheitlichen Gründen nach Portugal aus: Die Gemeinde Stadland erwarb die Mühle mit Nebengebäude und Freigelände. Das Müllerhaus von 1875 mit der völlig baufälligen Scheune und 15.000qm Grund wurde an einen Privatmann verkauft. Schon kurz darauf ärgerten sich die aktiven Vereinsmitglieder, dass man nicht Geld zusammengeworfen und diese zum Mühlenensemble gehörenden Gebäude gekauft hatte…

Wachsende Besucherzahlen: Umbau des Nebengebäudes

Rasant entwickelten sich die Mitglieder- und Besucherzahlen. Für die einzelnen Sparten im Verein setzten sich verantwortlich ehrenamtliche Mitglieder ein. In den Jahren 1993/1994 reifte der Plan, das völlig marode Nebengebäude, in dem ehemals Lagerraum, Kohlenhandlung und zusätzlicher Mahlbetrieb ihren Platz hatten, für gastronomische Zwecke umzubauen: Die Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur Niedersachsen (LAGS), bei der wir schon seit einer Weile unsere Heimat gefunden hatten, ermöglichte mit Mitteln des Landes Niedersachsen die Umgestaltung. Die Baumaßnahmen wurden koordiniert und unterstützt von unseren im Laufe der Jahre unersetzlich gewordenen ehrenamtlichen Bauleitern, die nicht nur die Aufsicht führten, sondern wenn immer es nötig war, kleinere und auch größere Baumaßnahmen (z.B. den Übergang zwischen Mühle und Nebengebäude) und im Laufe der Jahre zahllose Reparaturarbeiten in Eigenregie umsetzten.

Das Mühlencafé entsteht

Ausschlaggebend für den Umbau des Nebengebäudes war der Wunsch unserer Gäste nach einer Bewirtung vor und nach den Veranstaltungen und der wachsende Zustrom von Touristen, unter anderem aus der Nachbargemeinde Butjadingen mit ihren aktuell mehr als eine Million Übernachtungen. 1995 wurde unser Café eröffnet, das außer bei Veranstaltungen zunächst nur am Sonntag zu Kaffee und Kuchen einlud. Gleichzeitig wurde der Caféraum auch zusätzlicher Veranstaltungsraum mit Licht- und Tontechnik, der je nach Bedarf „umgebaut“ werden muss. Nach einigen Wechseln in der Caféleitung übernahm die heute noch amtierende Caféchefin die Führung und initiierte 1997 mit ihrem heute auf 10 Frauen angewachsenen Team den Landfrauenmarkt am jeweils 1. Sonntag im Monat. Regionale Direktvermarkter erhalten hier die Möglichkeit, im Gespräch mit dem Kunden ihre Waren zu verkaufen. Ergänzt wurde dieses Angebot relativ schnell durch ein üppiges Frühstücksbüffet, bei dem die Besucher die auf dem Markt feilgebotenen Lebensmittel probieren können. Das Frühstück mit ausschließlich selbstgemachten Produkten ist neben den tollen Torten und liebevoll vorbereiteten Festen der Renner im Angebot und ist immer ausverkauft. Es versteht sich von selbst, dass dieses Cafépersonal auf Honorarbasis arbeitet und nur noch die Veranstaltungsbewirtung ehrenamtlich durchgeführt wird. Dafür fließen Überschüsse aus dem wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb in das Kulturprogramm.

Die Mühle und die Seefelder Bevölkerung: Eine Annäherung über Kulturprojekte

Zugute kommt dem Kulturzentrum die Tatsache, dass es durch die im Café beschäftigten Frauen aus dem Dorf einen neuen direkten Bezug zur Bevölkerung gibt. Außerdem kann man in der Mühle jetzt die eigenen Geburtstage, Konfirmationen oder Hochzeiten feiern!
Das Kulturprogramm erhielt in den neunziger Jahren einen neuen Schwerpunkt: Projektarbeit. Endlich konnte die Dorfbevölkerung, Jung und Alt, künstlerisch begabt oder einfach nur neugierig, besser integriert werden. Mit „Goden Dag, Herr Pastor“ (plattdeutsches generationsübergreifendes Theaterstück), „Utopien, Wünsche und Träume rund um einen Dorfplatz“ (Jugendprojekt), dem „Lebendigen Adventskalender“ (24 gestaltete Fenster/Gebäude im Dorf mit 24 Aktionstagen), „Lasst doch die Kirche im Dorf“ (Veranstaltungen rund ums 325. Kirchenjahr in Seefeld), „Innenwelten/Außenwelten“ (Schreib- und Malprojekt für Frauen), „Heim:Spiel“ (Open-Air-Theater und Ausstellungen), „Die Sintflut“ (Skulpturenpfad rund um den Jadebusen) und „Food&Fun“ (Regionale Lebensmittel einmal anders erleben) bzw. dem Gummistiefelprojekt (Installationen, Objekte, Performance, Spiele) eroberte sich unsere ortsansässige Kunst- und Theaterpädagogin, immer begleitet durch die professionelle Organisation und Antragstellung aus dem Mühlenbüro und ein Team von ehrenamtlichen HelferInnen, die Köpfe und Herzen der Akteure und Zuschauer. Durch diesen neuen Zugang zur „Mühle“ kamen immer neue Menschen in unser Team, die aus sehr unterschiedlichen Gründen, aber immer motiviert und interessiert einen Ort suchten, an dem sie sich einbringen konnten.

Neue Angebote entwickeln sich: Theatergruppen und Mühlenladen

Vom Erfolg getragen starteten neue Angebote: Theater für Jugendliche und für Erwachsene mit jährlich selbst erdachten Stücken und deren Aufführungen. Ganz nebenbei wurde das Dachgeschoss des Nebengebäudes im Jahr 2002 vornehmlich in Eigenarbeit zu Büro, Künstlergarderobe und Lagerraum ausgebaut und hinter dem Café ein Lagerschuppen für Stühle, Podeste, Gartenmöbel und Waren errichtet. Die freiwerdenden Räumlichkeiten im Untergeschoss erhielten eine neue Nutzung: Der Mühlenladen mit regionalen Lebensmitteln und Kunsthandwerk erfreut sich wachsender Beliebtheit nicht nur bei Einheimischen, die hier „schnell mal etwas Leckeres oder ein Geschenk“ kaufen können, sondern vor allem auch bei Touristen und Gästen des benachbarten Seminarhotels („Wie schmeckt die Wesermarsch?“ bzw. „Ich brauche noch ein Mitbringsel für meine Bekannten!“)

Qualifizierung für Ländliche Kulturarbeit und Kooperationen

Längst war die Koordination von Veranstaltungen, Mitgliedern, Besuchern, Baumaßnahmen etc. zu einem Vollzeitjob mit spezifischen Anforderungen geworden. Von 2001 bis 2004 nahm deshalb die ehrenamtliche Geschäftsführerin an der „Qualifizierungsmaßnahme für ländliche Kulturarbeit“ des Landes Niedersachsen (Soziokultur) teil. Sie und andere Vereinsmitglieder engagierten sich zusätzlich in Gremien und Verbänden oder anderen Kulturvereinen und Initiativen, so dass es bald zu spannenden Kooperationen z.B. mit Literatur+, dem Kunstverein Nordenham, Kirchengemeinden, Musikschule, Volkshochschule oder dem Oldenburgischen Staatstheater z.B. im Rahmen des PLATTartfestivals kam. Mehrere Jahre lang war die Seefelder Mühle  mitwirkend beim „Himmelfahrt Wesermarsch“-Festival, das leider aus Kostengründen eingestellt wurde.

Die Freiwilligen Müller

Auch der Bereich Mühle als Denkmal kam nicht zu kurz: Schon 2001 begannen 4 Freiwillige ihre einjährige Ausbildung zum Müller, 3 weitere Personen folgten. So standen ab sofort kompetente Mühlenführer und Denkmalspfleger zur Verfügung, die gerade auch Kindern in Ferienpassaktionen und Touristen die alte Technik näher bringen. Parallel zur Ausbildung zu Freiwilligen Müllern wurde mit EU-Mitteln umfänglich all die Mühlentechnik restauriert, die bei der Grundsanierung in den achtziger Jahren noch nicht erfolgt war. So hatten die Müller relativ bald eine voll funktionsfähige Mühle zur Verfügung, die sie voll Stolz präsentieren. Besucher erfreuen sich in der Mühle nicht nur an dem jahrhundertealten Gebälk und an der tollen Aussicht von der Galerie. Sie sind immer wieder überrascht von der liebevoll und kompetent in das alte Gemäuer eingepassten Kunstausstellung, die regelmäßig alle 2 Monate wechselt und alle Sparten des bildnerischen Gestaltens einbezieht. Dank der guten Kontakte und umfangreichen Kunstkenntnisse unserer Ausstellungsleiterin sind nicht nur KünstlerInnen aus der Region, sondern aus der ganzen Bundesrepublik und auch aus dem benachbarten Ausland vertreten. Alljährlich gibt es eine Werkschau aus den Ergebnissen der eigenen Malworkshops, kombiniert mit einem besonders raffinierten Kunstmenü, dass vier Männer aus dem Verein zubereiten.

Kulturelle Bildung und gesellschaftliches Engagement

Seit 2002 finden regelmäßig Workshops z.B. im Bereich Steinbildhauerei statt. Andere Workshopangebote wie Goldschmieden, Weben, Kreatives Schreiben, Malen, Chorsingen etc. werden bei Bedarf angeboten. Längst ist auch die Nutzung zusätzlicher Räume im Dorf selbstverständlich geworden; ob Dorfgemeinschaftshaus, Kirche, Gemeindehaus, Saal der Dorfkneipe oder die Landstraße: Überall treiben wir unser (Un-)wesen. Politisches Engagement z.B. für Frauen, bäuerliche Landwirtschaft, die Initiative „Kinder von Tschernobyl“ oder soziales Mitwirken für die „Nordenhamer Tafel“ wie auch Kooperationen im Themenfeld Natur- und Umweltschutz z.B. mit dem BUND oder der Umweltstation Iffens finden ebenfalls ihren Raum. Für das gesellige Miteinander gibt es seit 1 ½ Jahren einen gut besuchten Spieleabend und zur Sommerzeit einen Bouletreff. Auf Anfrage stehen unsere Räume den Stadlander Vereinen umsonst zur Nutzung zur Verfügung.Seit 2002 finden auch regelmäßig standesamtliche Trauungen in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Stadland statt. Die am weitesten gereiste Braut bisher kam aus Peru!

Ehrenamt und Hauptamt

Für all dies Tun und den Spaß dabei verlieh der Landrat unserer Geschäftsführerin 2008 den Bundesverdienstorden, der gleichermaßen für alle mühlenaktiven Menschen gilt. Denn gerade in dieser Zeit musste es auch mal 5 Jahre lang ohne ehrenamtliche Vollzeitgeschäftsführung gehen: 2005 war eine Bürokraft mit einem Zuschuss der politischen Gemeinde eingestellt worden, mit deren Engagement und Tatkraft der Verein in Schwung und auf dem Laufenden blieb. Diese Bürokraft konnte ab 2010 als Auszubildende zur Veranstaltungskauffrau weiter beschäftigt werden.

Die aktuelle Situation:

Unser Verein „De Seefelder Möhl“ ist im Sinne der besseren Verständlichkeit in „Seefelder Mühle: Kulturzentrum-Denkmal-Café“ umbenannt worden. Inzwischen haben wir in den Sommermonaten jeden Tag geöffnet, im Winter immerhin an den Wochenenden, was andere Museen in der Region nicht unbedingt gewährleisten. Das Büro ist das ganze Jahr über wochentags Anlaufstelle für Fragen und Probleme von Einheimischen und Touristen. Wir haben ein offenes Ohr für die Nachbarschaft, vermitteln Übernachtungen und kleben Pflaster auf die blutigen Schrammen an Radlerwaden. In der Kulturszene der Wesermarsch und darüber hinaus sind wir be- und anerkannt und man nutzt unsere umfassenden Kenntnisse gern für eine fachliche Beratung. Für den Tourismus stehen wir als „Leuchtturm“ da und engagieren uns im neugegründeten Tourismusbeirat. – Viele neue Mitglieder und Fans konnten hinzugewonnen und PraktikantInnen in die Geheimnisse der Soziokultur eingeführt werden. Unser Angebot ist in Umfang und Inhalt stetig gewachsen. Wir müssen viel Verantwortung tragen, Personal managen und Steuererklärungen schreiben… Im Jahr 2012 kauften zwei Vereinsmitglieder das zum Mühlenensemble gehörende Müllerhaus. Es steht jetzt mit einem Werkraum, einem Besprechungsraum, 2 Gästezimmern mit Bad, einer Küche und einem weiteren kleinen Raum für die kulturelle Nutzung durch den Verein zur Verfügung. Dadurch eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten.
Seit 2011 haben wir eine neue kulturkompetente 1. Vorsitzende – aus Oldenburg. Rechtzeitig zur Vorbereitung unseres Jubiläumsjahres 2012 ist unsere 2. Vorsitzende nach einem Masterstudium Kulturmanagement zurückgekehrt in das immer noch erstaunlich frische, im Ehrenamt ergraute Team. Im Sommer 2013 hat unsere erste Auszubildende ihre Prüfung zur Veranstaltungskauffrau bestanden. Und dank der finanziellen Unterstützung durch das Land Niedersachsen, den Landkreis Wesermarsch und die Gemeinde Stadland konnten wir September 2013 eine junge, hauptamtliche Geschäftsführerin einstellen.

Wir sind gespannt, was uns die nächsten 25 Jahre bringen werden!